Vademeca

Pfarrer Dr. Marcus König drückt uns bei der Verabschiedung an der Kirchentür gerne ein "Vademecum" (lateinisch "geh mit mir", Wegweisung, Leitfaden) mit den wichtigsten Gedanken der Predigt in die Hand. Diese kurz gefasste Handreichung ermöglicht es uns, grundlegende Inhalte der Predigt zu rekapitulieren und darüber nachzudenken. Für diejenigen, die wegen Alter oder Krankheit nicht in die Kirche kommen konnten, aber auch für alle Suchenden, soll diese Veröffentlichung eine wertvolle Anregung sein.

 

Impulse für ein christliches Alltagsleben

von Pfarrer Dr. Marcus König, Pfarre Tullnerbach




Vademecum vom 17. Sonntag im Jahreskreis Drucken

Lehre Herr uns beten

· Wenn ich in Bücherladen hineinschaue so gibt es meist viele Anleitungen für Gebet, Meditation, Stille, autogenes Training… das Interesse an „Spiritualität“ ist heute groß. Im Gespräch mit Sympathisanten erlebe ich oft, dass auch Nicht-Kirchengeher sagen: „Ich bete immer wieder“. Doch WIE das Beten geht ist für viele heute unsicher geworden. Die Bitte an Jesus ist so aktuell: „Herr, lehre uns beten“

· Mich haben als Kind die Don Camillo Filme sehr beeindruckt, vor allem die Dialoge, die Don Camillo mit Jesus am Kreuz führt. Gebet als Dialog mit Gott, der Halt gibt, manchmal auch als „Stimme des Gewissens“. Jesus hat die intime Beziehung mit diesem Gott durch das Wort „Vater“, abba ausgedrückt („Papa“). Sicherlich prägt die persönliche Erfahrung mit dem je eigenen Vater, welche Assoziationen da geweckt werden – so erleben viele Gott als väterlich, als jemand, der trägt, manchmal auch herausfordert, die Lebensgeschichte begleitet und auch durch schlimme Zeiten hindurch alles letztlich zum Guten wendet.

· Das „Vater Unser“ zu beten ist daher immer Herausforderung zu je größeren Vertrauen, das auch wachsen muss (z.B. wo es in existentieller Angst noch nicht so da ist.), wie Jesus sagt: Immer neu ein Suchen und Bitten, und ein Ringen um das Ja zu Gittes Plänen. Elie Wiesel, eine Ausschwitz Überlebende hat Gebet so definiert: „Beten bedeutet JA zu sagen zur Schöpfung, zum Leben, zu den Menschen um mich herum und den Plänen Gottes für mein Leben“

· Schon das 2. Wort des Vater Unsers drückt die zweite Grunderfahrung des christlichen Gebetes für mich gut aus: Das gemeinsame Gebet, in der Familie und in der Gemeinschaft der Kirche, im Gottesdienst, in den Sitzungen, in Gebetskreisen. Ich habe in der eigenen Familie erlebt, wie das gemeinsame Morgen- / Abendgebet uns verband, Gemeinschaft stiftete, uns tiefer verstehen ließ. Nicht umsonst hat eine Studie in den USA ergeben, dass Ehen, wo die Partner miteinander beten, deutlich besser halten und Scheidungen kaum vorkommen.

· Gebet ist so Gebetsgemeinschaft, aber v.a. auch Solidarität mit den anderen und der Welt. Mir ist das fürbittende Gebet für andere wichtig, ich nehme es ernst, wenn mich jemand bittet für ihn / Lieben zu beten, oder wenn jemand mir sagt, dass er / sie für mich betet. Oft habe ich erfahren, dass das Gebet geholfen hat – es ist eine Weise der liebevollen Anteilnahme ist, wo ich sonst nicht helfen kann und Ausdruck der Geschwisterlichkeit.

· Jesus bringt das sehr anschaulich ins Bild: Wenn schon ein guter Freund/in Dir hilft – umso mehr Gott! Und wie Jesus sagt: „Was zwei oder drei vom Vater in meinem Namen erbitten“.. liturgisch wird dies im gemeinsamen Fürbittgebet deutlich (in allg. Gebet der Gläubigen, wie die Fürbitten heißen, die halt oft wenig konkret sind; in freien Fürbitten in der Werktagsmesse oder in Gebetskreisen, wo ganz konkret für eine Person gebetet wird..)

· Natürlich: Jeder macht die Erfahrung, dass eine Bitte nicht gleich, oder scheinbar gar nicht erhört wird. Wir mir geht es Ihnen auch vielleicht: Vieles passiert im Leben und in der Welt.. und es sind Fragen und Zweifel da: Warum? Wie kann Gott das zulassen.. oft haben gerade Gläubigen ein hartes Los..

· Die 1. Lesung (Gen 18,20-32) habe ich unter Gesichtspunkt gelesen: Ich darf meinen Protest, mein „Nein“, mein Zweifel ins Gespräch mit Gott einbringen! (Vgl. auch die Psalmen!). Dieses Ringen mit Gott hat meine Beziehung mit ihm vertieft, manche falschen Gottesbilder, die nicht hielten, entlarvt und Ansporn gegeben zu einem neuen Suchen / Anklopfen – es ist nur wichtig in den Fragen und Zweifeln wie Abraham trotz aller negativen Erfahrung um ein „Ja“ zu und mit Gott zu ringen! Jesus ist hier besonders glaubwürdig, weil er im Schrei am Kreuz („Vater, warum hast Du mich verlassen“) diese scheinbare Gottes-Verlassenheit erlebt hat und gerade dort uns daher nahe ist. Unser Gebet ist daher immer auch Gebetsgemeinschaft mit dem verlassenen Jesus am Kreuz, und daher mit der Auferstehungshoffnung untrennbar verbunden.

 
Vademecum vom 16. Sonntag im Jahreskreis Drucken

Martha und Maria – die Balance ist wichtig

· Lukas berichtet als Einziger über diese Begebenheit um zu zeigen, dass bei den Griechen sehr wohl eine Frau einem ganzen Haushalt vorstehen und dass sie auch einen Mann in ihrem Haus empfangen konnte. Das wäre im Judentum der damaligen Zeit undenkbar gewesen. Außerdem stell er Martha dar als eine Frau mit den besten Absichten, die die Regeln der Gastfreundschaft völlig erfüllt.

· Allerdings verfolgte er mit dieser Erzählung noch andere Ziele: Er will eine ganz allgemeine und weit verbreitete Haltung aufzeigen, die die Menschen vom Wesentlichen abhält. Jemanden, den man heute, 2000 Jahre später, vielleicht als „Workaholic“ bezeichnen würde. Die Menschen schaffen, rennen, tun. Alle sind so schrecklich beschäftigt. Und das ist das erstaunliche – die Christen sind nicht etwa diejenigen, die verstanden hätten, dass man dadurch auch die innere Ruhe verliert, kaum noch zum Nachdenken kommt, zum Hören auf das Wort Gottes. Nein, sie sind ganz vorne mit dabei, die Christen. Dieser Aktionismus macht die Menschen ganz krank. Sie übernehmen sich.

· Wenige, die sich Zeit nehmen: zur Andacht, zur Meditation, zum Feiern, zum sich Treffen, zum aufeinander Hören. Und die wenigen, die sonntags in die Kirche gehen, weil sie wissen, dass diese Unterbrechung des Alltags sie wieder neu ausrichten kann. Sie können sich mit Maria identifizieren. Dies eine tut Not! Wichtig ist allein: Jesus ist gekommen – auch in Dein Haus – gerade um uns aus unseren Rollen zu befreien, nicht um sie zu zementieren.

· Problematisch ist die Wirkungsgeschichte: Seit Origenes haben die Prediger des Wortes Gottes immer wieder anhand von Martha und Maria die Gegenüberstellung vorgenommen: Hier die Marta sie steht für die vita activa, dort die Maria sie steht für die vita contemplativa. Immer wieder diese Gegenüberstellung zwischen der karitativen Diakonie – was nicht immer schlecht gemacht wird – gegenüber dem viel besseren Teil: dem Hören. Haben diejenigen, die sich Abrackern für andere aus besten Überzeugungen und ohne Erwartung von Gegenleistungen, die vielen Ehrenamtlichen in der Diakonie etwa das schlechtere Teil erwählt? Wollte Jesus das sagen?

· Es gilt daher, die Erzählung in ihrem Kontext wahrnzunehmen: Sie folgt unmittelbar auf die Geschichte vom barmherzigen Samariter. In jener Erzählung geht es ja gerade um das rechte Tun. Dieser Text ist zum klassischen Text der Diakonie geworden. Erst danach kommt diese Begebenheit als entscheidende Ergänzung: Die tätige Liebe braucht auch die Zeiten der Ruhe, Zeiten des Auftankens, Zeiten der Stärkung. Nicht das eine gegen das andere, sondern um die richtige Verhältnisbestimmung geht es. Wer die Diakonie vom Gebet abtrennt, wird in einem ungesunden Aktionismus enden. Und wer immerzu Gottes Wort hören will, dies aber keinerlei Veränderung in seinem wirklichen Leben bewirkt, nicht hin führt zum Sehen der Not der Nächsten und zum Dienen auch an einem Entfernten, ja dessen Glaube bleibt ohne Früchte. Wie Kohelet sagt: Alles hat seine Zeit - Zuhören hat seine Zeit, und Arbeiten.

· Jesus hat die Menschen mit seinen Geschichten verunsichert, damit sie sich nicht so selbstgerecht einrichten in ihren Rollen. Er wollte sie befreien, die einen wie die anderen. Und Mutmachen: diejenigen, die sich zu klein fühlen, um etwas zu tun, sollen sich auch mal trauen: Es gibt für jeden was zu tun. Und diejenigen, die sich immer Sorgen und Abmühen, sollen auch mal den Mut haben, still zu halten und neu zuhören: Lass auch mal die Anderen machen, Du musst nicht alles selber tun.

· Ich kann mir vorstellen, dass Martha sich gleich zu den beiden gesetzt, und gespürt hat, dass die Last von ihr abfiel, sie einfach dasitzen und zuhören konnte, dass Jesu Worte sie berührten mitten in ihren Sorgen und Mühen. Innehalten, spüren, dass Er sich um mich sorgt - und das tut gut. Zu spüren, dass Gott in diesem seinem Sohn Jesus Christus wirklich zu uns kommt. Diese Begegnung verändert.

· Freilich: Man wird nie fertig mit dieser inneren Spannung: Wann ist die Tat als Wort, wann das Wort als Tat gefordert? Vielleicht erkennen wir so doch wenn wir gut zuhören und unsere Geschäftigkeit unterbrechen lassen dass der Glaube unsere Konflikte nicht löst, sondern dass der Glaube uns diese Konflikte zumutet.

 
Vademecum vom 15. Sonntag im Jahreskreis Drucken

· Das Sonntagsevangelium (Lk 10,25-37) bietet eine sehr bekannte Bibelerzählung – drei Aspekte möchte ich davon hervorheben:

· Erstens den sehr einfühlsamen und klaren Umgang Jesu mit dem „Gegner“. Aus der intellektuellen, gegnerischen Debatte wird dabei eine tiefe menschliche Begegnung: Jesus weist den Gesetzeslehrer nicht zurecht, es gibt auch keine Moralinpredigt mit großen Forderungen („Du musst/ sollst..“) – sondern Jesus erzählt eine alltägliche Begebenheit und versucht ganz in sokratischer Fragetechnik den anderen zur Einsicht zu führen: „Was meinst Du….“. Es ist eine liebevolle (wo sich der Schriftgelehrte verstanden und ernstgenommen fühlt) und gleichzeitig eine  herausfordernde Umgangsweise (Er muss ja Stellung beziehen) - so will man selbst auch von anderen behandelt werden (oft geht es einem aber eher so: Wer fragt wird als Trottel betrachtet; oder erntet Unverständnis, weil einem selber alles logisch erscheint; oder man interpretiert gleich..). Gerade als Gemeinde gilt es so, im „Umgangston“ miteinander immer an Jesus hier Maß nehmen und einen verständnisvollen und wohlwollenden Umgang miteinander zu pflegen.

· Zweitens geht es ja um im Alltag gelebte Mitmenschlichkeit. In der Beispielerzählung konkretisiert Jesus, dass es dabei nicht so sehr um ein allgemeines Wohlwollen oder positive Gefühle geht, sondern um das Hinschauen und die konkrete Hilfe.

· Die Situation des Vorbeigehens und Wegschauens ist ja aktueller denn je (vgl. Nachrichten, wo Menschen sehen, dass gewalttätige Jugendliche einen niederschlagen und keiner hilft; wo alle ahnen, dass beim Nachbarn was nicht stimmt und keiner tut etwas..; wo ich merke, dass jemand Probleme hat und nichts sage; ein Autounfall und alle fahren vorbei etc.). Dies trifft der Einführungssatz im Schott für diesen Sonntag sehr gut: „Der Mitmensch, an dem ich vorbeigehe, dem ich ausweiche, den ich nicht sehen will, der mir nahe ist und doch nicht mein Nächster ist, das ist die Hölle“. Das macht sehr deutlich: Gegenteil von Nächstenliebe ist nicht so sehr der Hass, sondern die  „Wurschtigkeit“, wo mich die Notsituationen (offen oder verdeckt) kalt lassen.

· Für Jesus ist gelebte Nächstenliebe so nicht viel zu spenden oder große Taten zu setzen, sondern ob ich, wenn der andere meine Hilfe braucht, das sehe, da bin, zupacke und wirklich hilfreich bin. Dazu gehört auch zu erkennen, wo Profis ranmüssen („Wirt soll sich kümmern“, heute z.B. Ärzte für Körper + Seele) und und wo ich loslassen muss – es gibt ja auch das Helfersyndrom, wo ich den anderen in Unselbständigkeit halten will, damit ich gebraucht werde.

· Ich möchte aber noch eine dritte, ungewohnte Sichtweise anbieten: Der Kirchenvater Origines deutete im 5. Jht. die Stelle allegorisch, tiefsinniger: „Für mich ist Christus der Nächste geworden. Er ist der barmherzige Samariter“. Für Origines ist der überfallene Mensch ein Sinnbild der Situation des Mensch Seins überhaupt. „Er goss Öl und Wein über die Wunden“ gilt ihm als Hinweis auf die Sakramente der Krankensalbung und der Eucharistie; das Reittier sind die Apostel; das Wirtshaus ist die Kirche, der Wirt sind die  Verantwortlichen in der Kirche entsprechend dem Auftrag der Kirche, sich um Menschen, die der barmherzige Samaritergott bringt, zu sorgen und deren Heilung zu fördern – körperlich, seelisch und geistlich religiös.

- Auch wenn uns diese allegorische Deutung heute fremd ist, erlaubt sie eine tiefe Sicht: Der Wohlwollende und heilende Umgang miteinander und die konkrete Mitmenschlichkeit sind Weisen der Nachfolge Jesu, das Tun, was Jesus getan hat – und ist Ort der Begegnung mit ihm (vgl. Mt 25: „Alles was ihr für einen meiner geringsten Brüder  (nicht) getan habt – habt ihr mir (nicht) getan“), die Weise, wie wir Nähe Jesu erfahren und das Evangelium verkünden können! Es ist eine Kurzformel für das, was christliches Leben ausmacht im Ineinander von Nächsten- und Gottesliebe, Glauben und Tat.  Und daran entscheidet sich, ob wir das Leben für immer gewinnen werden. Das Einüben in diese Sendung ist eine Schule des Hinschauens und des Zupackens und Gott darin zu erkennen -  unsere Sendung im Alltag, egal ob am Arbeitsplatz, in der Freizeit oder in der Familie.
 
Vademecum vom 14. Sonntag im Jahreskreis Drucken

Freude am Glauben macht uns Gehen

· Die vom Evangelisten Lukas geschilderte Sendung von 72 Jüngern gibt uns einen Einblick in die frühchristliche Mission. Zu zweit (= notwendig für die Glaubwürdigkeit der Botschaft, da auch zwei Zeugen vor Gericht notwendig sind, auch psychologisch wichtig) werden sie ausgesandt – um den Menschen von Jesus zu erzählen und nicht nur durch die Worte, sondern v.a. durch befreiende und heilende Taten die Nähe und Zuwendung Gottes zu versichern.

· Wir kennen dabei alle dieses Jesus-Wort: „Die Ernte ist groß.. wenig Arbeiter .. bittet der Herrn.. Arbeiter auszusenden“. Warum sollen wir Gott darum bitten? Die Bitte ist eine der Weisen, wie Gott uns an seinem Heilswerk mitarbeiten lässt. Er will nicht alles allein tun. Dabei sind nicht nur die „hauptamtlich Berufenen“ wie Priester gemeint, sondern jeder Christ kann und soll ein Wegbereiter des Herrn sein. Mit den namenlosen 72 Jüngern können wir uns relativ leicht identifizieren.

· Doch ist die potentielle Ernte überhaupt noch groß? Wir haben heute nicht mehr dieses Gefühl - eher ist es bei vielen karger Boden, viele scheinen die Gute Nachricht und Gott nicht mehr zu brauchen, der Glaube nimmt ab.

· Vielleicht liegt der Grund dafür aber nicht nur an der „bösen Welt“, wo damals wie heute das Gesetz des Wolfes vorherrscht. „Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.“ – so Jesus an die 72 Jünger, die über ihre Erfolge berichten. Ihre Kraft kommt aber von Gott allein, wesentlich ist nicht, dass ihnen die „Geister gehorchen“, sondern dass sie von Gott geliebt und erwählt sind, dass sie berufen sind, ins Reich Gottes einzutreten – dessen Realität für Jesus feststeht: Das Böse ist ein für alle Mal besiegt, im Himmel ist die Sache entschieden („Satan fiel..“) – bis sich das aber auf der Erde durchsetzt, dauert es. Tod, unheilvolle Kräfte, Gewalt – als das trifft die Jünger auch, aber hat letztlich nicht das letzte Wort oder die entscheidende Dominanz. Sie arbeiten mit Gott an einer Welt des Friedens, wo alles körperlich und seelisch heil wird.

· Auch wir sind durch die Taufe eingetreten in dieses Reich Gottes. Im Glauben gehören wir zu Jesus Christus, und diese Gemeinschaft verbindet uns auch untereinander. Freuen Sie sich wirklich darüber? Haben Sie sich jemals darüber gefreut?

· Romano Guardini leitete seine Vorlesung über die Kirche mit dem berühmt gewordenen Satz ein: „Die Kirche erwacht in den Seelen gerade der jungen Menschen.“ Heute scheint allerdings eine genau entgegengesetzte Tendenz am Werk zu sein: Die Kirche droht gerade in den Herzen der jungen Menschen zu sterben. Das erste, was dabei stirbt, ist die Freude. Die Freude am Glauben, die Freude in der Kirche - gerade die Elemente, die viele bei den jungen Kirchen Afrikas / Asiens so bewundern. Und ich habe manchmal den ganz starken Verdacht, als wenn die ganze Kritik an der Kirche, ihre Weltfremdheit und ihr Machtgehabe nichts anderes ist, als eine dürftige Entschuldigung dafür, dass wir unsere Freude verloren haben.

· Die Jünger erfahren Freude durch ihre positiven Erlebnisse mit dem Glauben – und das tut uns heute Not: Einander mit Jesus Christus in der Mitte zu erzählen, wo unser Glaube uns trägt, unheilvolle Zusammenhänge aufbrechen lässt, uns oder andere heilt, Freude ist, wo wir Kirche als Ort der Freude und Gemeinschaft im Glauben erfahren.

· Ein Beispiel, wo das für mich vorkommt ist die Ferienmariapli der Fokolari. „Mariapoli“ ist eine mehrtägige Veranstaltung. Hier treffen sich Männer, Frauen, Priester, Laien und Ordensleute, um miteinander ein paar Tage miteinander zu leben, miteinander zu beten, miteinander zu singen, über das Wort Gottes zu sprechen, und das Wort Gottes in die Tat umzusetzen. Ein neues Miteinander soll erlebt werden. Diese Veranstaltung heißt deswegen 'Mariapoli', weil alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen wollen, wie Maria, ganz bewusst auf das Wort Gottes hören und nach dem Willen Gottes fragen. Für Maria war Gott die Quelle des Lebens und des Glücks. In diesem Denken wollen alle, die an diesen Tagen mitmachen, Maria nacheifern. In den letzten 3 Jahren, wo ich da im Rahmen der Priestertage teilgenommen habe, wurde Kirche dort ganz essentiell für mich und bestärkt die Freude am Glauben.

- Ich würde mir wünschen, dass unter uns Christinnen und Christen immer mehr erlebbar wird, was der Glaube uns allen für unser Leben schenkt. Dann können wir ausstrahlen: ja, es lohnt sich zu glauben. Sind und werden wir immer mehr Zeugen, in Wort und Tat! Einer, der sich zur Fokolarbewegung zählt, würde sagen: versuchen wir immer wieder in unserem Leben 'Mariapoli' zu leben. Uns allen dazu: Nur Mut!
 
Vademecum vom 13. Sonntag im Jahreskreis Drucken

Jesu nachzufolgen bedeutet Aufbrechen

· Der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard hat in einer treffenden Geschichte geschrieben: „Die Christen leben wie die Gänse auf einem Hof. An jedem siebten Tag wird eine Parade abgehalten, und der beredsamste Gänserich steht auf dem Zaun und schnattert über das Wunder der Gänse, erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten, und lobt die Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Die Gänse sind tief gerührt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und loben die Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist auch alles. Eines tun sie nicht – sie fliegen nicht; sie gehen zu ihrem Mittagsmahl. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut und der Hof ist sicher.“

· Diese Kritik am verbürgerlichten, protestantischen Christentum seiner Zeit trifft auch heute noch zu und illustriert, worum es Jesus im Evangelium geht: Ihm nachzufolgen, sich auf einen Weg mit ihm zu Gott einzulassen, bedeutet immer ein Stück weit Sicherheiten, Geborgenheit zurück zu lassen und nicht einer schönen und bequemen, aber doch unfreien Vergangenheit nachzutrauern. Der Gewinn ist jedoch viel größer: Eine ungeahnte Freiheit wird den Jüngern geschenkt, frei zu sein für Gott und den Nächsten, frei zu sein wahrhaft zu leben und selbst den biologischen Tod nicht mehr fürchten zu müssen.

· Man muss weggehen können, das heißt einmal: Um Jesus nachzufolgen, braucht es Unbekümmertheit und Risikobereitschaft. Immer nur ängstlich fragen: Darf ich das? Ist das erlaubt? Was könnte alles passieren? – das kann, wenn wir das heutige Evangelium ernst nehmen, nicht im Sinn Jesu sein. Jesus kann im Vertrauen auf seinen Vater den unsicheren Weg nach Jerusalem auf sich nehmen, bei dem die Gefahr einmal kein Dach über den Kopf zu haben klein ist gegenüber dem, was kommt. Aber Er vertraut, dass Gott für ihn sorgen wird, wie Jesus in der Bergpredigt immer wieder betont: „Macht euch keine Sorgen“

· Man muss weggehen können, das heißt auch: Um Jesus nachzufolgen, braucht es einen kritischen Blick auf unsere Bindungen und Abhängigkeiten, auf das, was uns fesselt und unfrei macht. Sich ganz an materiellen Werten orientieren, sich völlig auf Karriere, Macht oder Leistung fixieren, sich total vom Urteil und der Wertschätzung anderer Menschen abhängig machen, oder von der Familie – das kann, wenn wir das heutige Evangelium ernst nehmen, nicht im Sinn Jesu sein. Jesus hat da ganz klare Prioritäten: Zuerst gilt es, dem Ruf Gottes nachzugehen und der je eigenen Berufung, dann erst ist man auch wirklich frei, Eltern oder anderen zu dienen.

· Man muss weggehen können, das heißt schließlich: Um Jesus nachzufolgen, braucht es die Ausrichtung auf die Zukunft, auf die Möglichkeiten, die wir noch haben, am Reich Gottes mitzubauen. Sich krampfhaft an die Vergangenheit zu klammern und alles festhalten wollen, was einmal gut und richtig war – das kann, wenn wir das heutige Evangelium ernst nehmen, nicht im Sinn Jesu sein. Man muss weggehen können – unbekümmert, frei und nach vorne schauend.

· Was für den spirituellen Weg des Einzelnen gilt, das sagt Jesus auch uns als Gemeinde: Auch als Gemeinde / Kirche bedeutet Jesus nachzufolgen Privilegien, den sicheren Hof (der gesellschaftlich hohe Anerkennung, des reichlichen Kirchenbeitrages, der großen und sicheren Anzahl an Gläubigen) zu verlassen und auf Gott vertrauenend in eine unsicherere Zukunft zu gehen, beflügelt durch den Geist Gottes. Auch als Gemeinde brauchen wir Risikobereitschaft und das ertragen auch von Misserfolg und Ablehnung. Die Erfahrung zeigt: Die Kirche ist dort besonders lebendig, wo sie Wegbegleiterin der Kleinen und Armen ist, selbst klein und ohne Macht im und Einfluss im irdischen Sinn.

- Wir brauchen als Gemeinde auch die Vision, den unbekümmerten und freien Blick nach vorne. Der Blick zurück in bessere Zeiten (mehr Gläubige, große Jg. Gruppe hier..) lähmt und hindert uns, auszumachen, wo die Spur Gottes heute in die Zukunft führt und wo wir eingeladen sind, das Reich Gottes mit aufzubauen. Fliegen wir oder bleiben wir im sicheren Hühnerhof?

 
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